Schlagwörter

, , , , ,

(c) Babsi Becken

(c) Babsi Becken

Der Weckruf

Die Sonne schien warm auf den Wald herab und das bereits grüne Laub sog die Strahlen begierig ein. Rattak war wie viele andere seiner Artgenossen bereits seit Wochen aus der Winterruhe erwacht und hatte sie sich aufgemacht die Versammlung einzuberufen. Seit ihr Vorfahr Ratatöskr als Nachrichtenbringer zu Yggradsil, dem Weltenbaum, berufen wurde, waren es die Eichhörnchen, die auch auf Midgard Nachrichten verbreiteten.

Nun, wie jeden Frühling alle neun Jahre war es wieder Zeit das die Versammlung tagte.

Die Versammlung war eine Zusammenkunft aller wissenden Wesen, all jener, die Schlau genug waren, um eine Meinung zum Geschehen auf der Erde zu haben.
Wenn die Zeit gekommen war rief Ratatöskr die Eichhörnchen zum Weltenbaum und schickte sie aus, um all jene herbei zu holen, die seit je her an der Versammlung teilgenommen haben. Rattak war noch sehr jung und zählte noch nicht ganz zwei Jahre, aber in diesem Jahr war er zum ersten Mal als Nachrichtenbringer ernannt worden. Ein jedes Eichhörnchen hatte in seinem Leben mindestens ein Mal die Ehre zu helfen die Versammlung einzuberufen, denn auch mit ihrem längeren Leben durch ihre Abstammung von Ratatöskr verbrachten sie selten mehr als sieben Jahre auf der Welt.

Das kleine Eichhörnchen war Stolz auf seinen Auftrag, musste er doch zum alten Baumtroll Borkwalt laufen, um ihn aus seinem Schlummer zu wecken. Es gab nur noch wenige Baumtrolle auf Midgard, aber er war einer der Ältesten. Die Menschen hatten unwissentlich, manchmal aber auch wissentlich, die Bäume abgeholzt zu denen die Trolle wurden, sobald sie eingeschlafen waren. Die Eichhörnchen hatten es sich daher zur Aufgabe gemacht die übrigen Trolle auch ohne eine Versammlung mindestens ein Mal im Jahr zu wecken und so nach ihnen zu sehen. Ein paar hatten sogar ihre Behausungen in die Höhlen der Rinde gebaut, die sich über Jahrhunderte aus der Haut der Trolle gebildet hatte.
Es heißt die Bergtrolle seien aus Zweigen Yggradsils entstanden, denen die Götter Leben eingehaucht haben, damit sie auf ewig über Midgard wachen konnten, nur hatten die Menschen diesen Plan schon lange durchkreuzt.

Leichtfüßig von Baum zu Baum springend näherte sich Rattak immer weiter dem Wald von Borkwalt. Er freute sich den alten Baumtroll wieder zu sehen, war er doch in einer seiner vielen Asthöhlen zur Welt gekommen.
Immer schneller rannte er voran und musste, je dichter er seinem Ziel kam, auch große Strecken auf dem Boden zurücklegen. Aber für ihn war das kein Problem. Nachrichtenbringer hatten eine besondere Stellung auf Midgard und kein Tier wagte es sie anzugreifen, auch nicht die, die nicht zur Versammlung durften. Instinktiv wussten sie, dass es schlecht war, wenn sie einen der kleinen Nager in seiner Aufgabe behindern würden. Die Eichhörnchen mussten sich daher keine Sorgen darüber machen von einem Adler oder einem Fuchs angegriffen zu werden.

Drei Tage und Nächte dauerte Rattaks Reise. Er rastete nur selten, denn seine Botschaft war dringend und der Rückweg würde mindestens genauso lange dauern. Am dritten Tage, die Sonne stand bereits hoch am Himmel, hatte er sein Ziel endlich erreicht.
Die alten Baumtrolle vergruben sich meist tief in den Boden, wenn sie schlafen gingen, dennoch ragte ihr Kopf weit nach oben hinaus. Was für andere Wesen ein Stirn war, war für sie ein hoher Baumstamm von harter Rinde umsäumt. Ihre Haare waren die Äste und Blätter, die aus diesem Stamm weiter gen Himmel wuchsen. Am Boden erstreckten sich tiefe Wurzeln, die jedoch ihr Bart waren. Dicht darüber befanden sich die Höhlen hinter denen sich ihre Augen und Münder verbargen, atmen taten sie wie Pflanzen, daher brauchten sie auch keine Nase.

Aufgeregt sprang das kleine Eichhörnchen die Stamm-Stirn herauf und umkreiste sie im wilden zick zack rennend und rief dabei laut: „WACH AUF! WACH AUF!“
Hoch oben begann das Blattwerk zu rascheln als der alte Borkwalt anfing herzhaft zu gähnen.
Wer weckt mich aus meinem Schlummer?“ wollte er nach einem weiteren Gähnen in seiner tiefen und knorrigen Stimme wissen.
„Ich. Ich. Rattak. Ich habe einst in einer deiner Asthöhlen gewohnt!“ Fiepste das Eichhörnchen und hielt in seinem Laufen inne.
Im Vergleich zum Baumtroll klang seine Stimme leise und unbedeutend.
Ra-tak“ wiederholte Borkwalt nachdenklich.
Es hatten bereits viele Tieren in seinen Asthöhlen gelebt und viele von ihnen hatte er bereits wieder vergessen, aber an diesen kleinen Racker erinnerte er sich, denn oft genug war er in seinen Höhlen herumgekrabbelt und hatte an seiner Rinde geknabbert.

Ist es schon wieder soweit?“ Fragte er anschließend und gähnte erneut.
„Ja. Ja. Die Versammlung wird wieder einberufen!“ bestätigte Rattak.
Wieder ging ein Rascheln durch die Blätter, aber diesmal kräftiger als zuvor.
Die Borke und Äste begannen zu knarren und zu knacken und gelegentlich fiel ein Stück mit einem stumpfen Geräusch zu Boden.
Na dann werden wir uns mal auf den Weg machen“ eröffnete Borkwalt.
Halt dich gut fest oder steig ab.“ riet er dem Eichhörnchen.
Nickend kletterte Rattak flink hoch in den Baumwipfel, um sich dort an einem Ast festhalten zu können. Unter der Erde streckte der Troll seine müden Glieder und die Erde um seinen Stamm schob sich langsam auseinander.
Mühsam streckte er seine knorrigen Arme aus dem Erdloch, um sich damit hochzuziehen. Es dauerte eine ganze Weile, doch dann hatte er sich bereits unter ächzen und stöhnen halb aufgerichtet.
Die Erde, die sonst auf seinen Armen ruhte, war bereits zu seinen Füßen hinab gerutscht, sodass sie ihm eine Trittmöglichkeit gab, um sich das letzte Stück hochzustemmen.

Rattak saß grinsend im Astwerk und beobachtete das Schauspiel voller Begeisterung, lange schon wollte er den alten Borkwalt einmal in ganzer Größe sehen. Er konnte sich jetzt schon vorstellen, dass die Aussicht, die er gleich haben würde unglaublich sein würde.
Als der alte Baumtroll sich komplett aufgerichtet hatte, forderte er das kleine Eichhörnchen auf: „Erzähl mir von der Welt. Was ist geschehen seit ich das letzte Mal geweckt wurde?“ und machte sich mit großen Schritten auf den Weg in Richtung des Versammlungsortes.
Sein kleiner Reisebegleiter war noch ganz verblüfft von dem was er aus dieser neuen Höhe sehen konnte. Der Haarschopf des Trolls ragte weit über die anderen Bäume hinaus und selbst von hier konnte er Yggdrasil bereits erkennen. Es war einfach unglaublich.
Als aber der Ast auf dem er saß zu zittern anfing, wurde Rattak aus seinen Gedanken gerissen und begann zu erzählen: „Also das war so…“

– 1037 Wörter (inkl. Titel)

Behind the Scenes

Read in English
DE_Entw1 - buntHi,

wir ihr seht habe ich es tatsächlich geschafft eine Geschichte zu schreiben. 🙂

Ich finde man kann auf diesem tollen Bild von Babsi aus dem Fichtelgebirge definitiv das Gesicht des Baumtrolls erkennen und das Eichhörnchen als Weckdienst für eine Versammlung war dann auch sehr schnell gefunden. Der Rest hat sich dann einfach so ergeben.

Für einen Schreibwettbewerb habe ich mich übrigens schon mal ein bisschen an den Weltenbaum rangewagt, habe aber nichts gewonnen. Wer trotzdem mal nachlesen mag, kann gerne hier vorbei schauen: Weltenbaum.

Und natürlich habe ich mich für Yggdrasil, Ratatöskr und den Versammlungszyklus von der nordischen Mythologie inspirieren lassen. Es gibt da einfach so viele phantastische Elemente, dass man sie gut in solche Geschichten einbauen kann.

Ich hatte auch erst überlegt, ob Borkwalt, den ich immer Baumbart nennen wollte, nicht doch lieber ein Ent sein soll, aber der Begriff war mir dann doch ein bisschen zu Tolkien-lastig und ich habe ihn stattdessen zu einem Baumtroll gemacht. Immerhin werden Trolle ja für gewöhnlich zu Stein, wenn sie ein Sonnenstrahl trifft, warum soll es dann nicht auch welche geben, die zu Bäumen werden? 😉

Ich hoffe meine erste Bildgeschichte nach der Pause hat euch gefallen. So langsam komme ich wieder ins Schreiben rein, aber es ist immer noch merkwürdig, dass sie sie nicht mehr lesen kann…

PoiSonPaiNter

P.S. Ihr wollt auch eine Geschichte zu einem eurer Bilder? Dann lest hier nach wie es geht: Dein Bild – Eine Geschichte.

Die Rechte des Bildes liegen bei Babsi Becken, die der Geschichte bei mir. Eine Nutzung oder Weitergabe ist ohne unsere jeweilige Genehmigung nicht erlaubt.

____________

Lies auf DeutschEN_Entw1 - buntTranslation follows soon…

P.S. You want to have a story for one of your pictures as well? Read here how it is done: Your Picture – A Story.

The rights for the story are mine, the ones for the pictures belong to Babsi Becken. Story and Picture are not to be used or copied without consent of either.

Advertisements