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(c) Katrin Brockmann-Propp

Kurze Winter – Lange Sommer

Noch war die Sonne hinter dem Horizont nicht zu sehen, aber es wurde bereits hell. Es war in diesem Jahr überraschend früh, überraschend kalt geworden.
Zwei dunkle Gestalten hockten auf einem niedrigen Ast eines Baumes am Ufer eines Sees. Der See war bereits mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Einzig ein paar Binsen, wenn auch braun und verblüht, reckten sich noch gen Himmel.
„Ich hab Hunger!“, jammerte die eine Gestalt und zog den Kopf weiter zwischen die Schultern.
„Ach, Abbo. Hör auf zu jammern.“, entgegnete sein Sitznachbar. „Wir haben alle Hunger, aber jammern hilft da wenig.“
„Das weiß ich selbst, Dankert!“, beschwerte Abbo sich.
„Na also, dann nerv mich nicht.“
Eigentlich waren Abbo und Dankert gute Freunde, aber der Hunger und die Kälte zehrte an ihren Nerven. Sonst stritten sie nur, wenn sie beide um dieselbe Freundin buhlten, was häufiger vorkam, als man glauben mag. Einmal im Jahr waren die beiden Schürzenjäger auf Brautschau, allerdings schienen sie einen sehr ähnlichen Geschmack zu haben. Aber jetzt mitten im Winter war ihnen nicht so recht nach Brautschau zu mute.

„Du, Dankert? Meinst du nicht wir kämen an ein paar Fische ran?“, fragte Abbo nach einer Weile des Schweigens.
Der Angesprochene wandte seinem Freund den Kopf zu und brummte: „Und wie stellst du dir das vor? Willst du den Kopf durchs Eis hauen und schauen, wo die Fische stecken? Außerdem ist das Eis viel zu dünn, um darauf zu stehen.“
„War ja nur eine Idee…“, verteidigte sich Abbo.
„Ja, eine saublöde Idee“, entgegnete Dankert.
Wieder schwiegen die beiden eine Weile.

„Denkst du es war klug den anderen voraus zu eilen?“, fragte Abbo schließlich.
Dankerts dunkles Gewand raschelte leise, als er eine Bewegung vollführte, die wohl ein Schulterzucken sein sollte. „Warum nicht? Ich meine wir sitzen jetzt hier und können uns etwas ausruhen, während die anderen noch unterwegs sind.“
„Schon, aber wir haben auch unsere Kräfte mehr beansprucht, als die anderen.“
„Das schon.“ Dankert überlegte. „Wir werden unsere Kräfte in der nächsten Zeit besser einteilen. Aber es ist einfach so herrlich, in der Dämmerung hier zu sitzen und auf den gefrorenen See zu blicken, oder nicht?“
„Du hast Recht.“, meinte Abbo mit einem Nicken und ließ seinen Blick über den See schweifen.
„Irgendwie schon schade, dass wir den Winter nie wirklich mitbekommen, oder? Ich meine, klar es ist verdammt kalt und Nahrung ist auch knapp, aber schön aussehen tut’s schon.“
„Das schon, ja.“
Erneut versanken die beiden Freunde in Schweigen und genossen den Moment. Dann schüttelte Dankert sich. „Wenn ich es Recht bedenke… die Kälte wiegt doch definitiv stärker als die Schönheit.“

„Du, Dankert?“, fragte Abbo nach einer Zeitlang.
„Ja, Abbo?“
„Machen wir auf dem Rückweg wieder hier halt und fangen uns ein paar Fische, wenn das Eis wieder weg ist?“
„Das machen wir auf jeden Fall!“

Abbo verlagerte das Gewicht etwas und wiegte sich auf dem Ast hin und her. „So langsam wird mir aber wirklich kalt. Wo bleiben die anderen nur?“, jammerte er.
„Sie sind sicher bald da. Dann schließen wir uns ihnen wieder an und machen uns auf den Weg in den ewigen Sommer.“
„Was meinst du, ob sich uns auf der Heimreise ein paar nette Mädels anschließen werden?“, gluckste Abbo.
„Mit Sicherheit. Ach, ich freu mich schon auf die Heimreise. So schön es im ewigen Sommer auch ist, nirgends ist es so schön wie zuhause. Außerdem werden wir dann mal schauen, was für Mädels wir klar machen können!“, bestätigte Dankert und verlor sich in anzüglichen Gedanken.
Auch Abbo malte sich aus, um welche Schönheit er und Dankert wohl diesmal streiten würden. Denn dass sie streiten würden, dass war ihnen beiden klar. Sie wollten beide immer die hübscheste haben.

„Dankert! Dankert, hör auf zu träumen! Ich kann die anderen hören!“
„Was?“, stieß Dankert hervor, als er so unsanft aus seinen lieblichen Tagträumen gerissen wurde.
„Die anderen! Ich kann sie hören!“, wiederholte Abbo.
Die beiden Freunde sahen sich um und hielten nach ihrer Gruppe Ausschau.
„Da sind sie.“, stellte Dankert fest und nickte in die entsprechende Richtung.
„Na dann wollen wir mal. Nicht das wir noch den Anschluss verlieren.“, meinte Abbo und streckte sich.
Dankert tat es ihm gleich und sodann schwangen sich die beiden von dem Ast.

Schnell legten sie an Höhe zu und kamen ihrer Gruppe, ihrem Schwarm, immer näher. Elegant segelten sie auf dem Wind und warfen noch einen Blick auf den winterlichen See unter ihnen, bevor sie im rechten Winkel zur gerade aufgehenden Sonne fliegend, ihrem Ziel, dem ewigen Sommer entgegenflogen – so wie sie es jedes Jahr im Winter taten.

Ein einsamer Kaufmann zog an dem See entlang und staunte nicht schlecht, als sich die zwei großen schwarzen Vögel in die Lüfte schwangen. Zuvor hatte er sie gar nicht bemerkt, doch nun stand er da und blickte dem nach Süden ziehenden Vogelschwarm verträumt nach. Fliegen müsste man können. Dann könnte er genau wie dieses Vögel den Winter verlassen und immer nur im Sommer leben.

– 819 Wörter (inkl. Titel)

Behind the scenes

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DE_Entw1 - buntDie heutige Geschichte habe ich komplett gestern geschrieben. Ich muss zugeben, dass ich diesmal bereits eine Idee für eine Geschichte im Kopf hatte und mir dazu ein passendes Bild gesucht habe. Hat aber gut gepasst, finde ich 😀

Anders ging es aber diesmal nicht, da ich derzeit ziemlich im Stress bin und froh bin, dass mir überhaupt eine Geschichte eingefallen ist. Aber sie gefällt mir. Irgendwie mag ich Dankert und Abbo.
Und wann habt ihr bemerkt, dass die beiden Vögel sind? Konnte ich euch hinters Licht führen oder war euch das direkt klar?

DarkFairy

P.S. Ihr wollt auch eine Geschichte zu einem eurer Bilder? Dann lest hier nach wie es geht: Dein Bild – Eine Geschichte.

Die Rechte des Bildes liegen bei Katrin Brockmann-Propp, die der Geschichte bei mir. Eine Nutzung oder Weitergabe ist ohne unsere jeweilige Genehmigung nicht erlaubt.

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Lies auf Deutsch

EN_Entw1 - buntTranslation follows soon

P.S. You want to have a story for one of your pictures as well? Read here how it is done: Your Picture – A Story.

The rights for the story are mine, the ones for the pictures belong to Katrin Brockmann-Propp. Story and Picture are not to be used or copied without consent of either.

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