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Vor einer ganzen Weile haben wir euch davon berichtet, dass wir Rahel und Sarah von Clue Writing angeschrieben haben um Geschichten zu tauschen. Die beiden haben von uns Bilder im Sinne unseres Dein Bild – Eine Geschichte bekommen und wir haben von den beiden Clues (Stichwörter) und Settings (Spielorte) bekommen, um in ihrem Sinne etwas zu schreiben.

Ihren Teil des Austauschs haben wir schon längst bekommen und den findet ihr hier: Dein Bild – Eine Geschichte auf Abwegen.

Den ersten Teil von unserer Seite – und wir bitten vielstmals um Verzeihung für die Verzögerung – könnt ihr heute hier finden.

Dafür haben wir uns beim Schreiben an die Clue Writing Regeln gehalten:

  • Eine Geschichte ist im Durchschnitt 1.100 Wörter lang (mindestens 870, höchstens 1.700), inklusive Titel
  • Es gibt fünf Clues und ein Setting, die in der Geschichte enthalten sein müssen (fett markiert)

Die Clues sind in diesem Fall: Denkvorgang, Skype, Verwilderung, Stempel, Briefkasten und das Setting: Torbogen.

Also dann, viel Spaß beim Lesen!

Das Durcheinander der Gedanken

Gekonnt nutzte sie die Ranken, die den Torbogen überwucherten, um an ihnen empor zu klettern. Schon lange wusste sie, welche Handgriffe und Schritte sie machen musste, um nicht abzurutschen oder hängen zu bleiben. Dieser Ort war einer ihrer Lieblingsplätze in der viel zu hektischen und überfüllten Stadt. In seiner Verwilderung hatte sich das Überbleibsel der ehemaligen Stadtmauer zu einer Insel der Ruhe und Abgeschiedenheit entwickelt. Mit der Zeit hatte sich eine kleine Lücke zwischen den Ranken gebildet, vermutlich durch sie und andere, die sich über die Jahre hinweg hierher zurückgezogen hatten. Der Stein selbst war von einer Schicht Moos bewachsen auf der man bequem sitzen konnte; versteckt zwischen dem Gesträuch, durch das für alle anderen unsichtbar war. Von hier oben aber konnte man alles beobachten und ungestört seinen Gedanken nachgehen.

Hin und wieder oder auch recht häufig, brauchte sie etwas Abstand um ihre eigenen Gedankengänge zu verstehen, denn diese waren zum Teil  schrecklich verwirrend. Kaum hatte sie einen Gedanken erreicht, sprang sie schon zum nächsten und nur diese Auszeiten halfen ihr dabei, etwas Ordnung in das Chaos zu bringen. Ein bisschen erinnerten sie die Ranken um sie herum an die Stränge, die sie in ihrem Kopf zurechtlegen musste. Alles wuchs kreuz und quer; folgte aber dennoch einer gewissen Struktur.
Es war ihr schleierhaft, wie andere Leute es trotzdem schafften sie zu verstehen. Vermutlich waren sie aber einfach nur zu höflich, um etwas gegenteiliges zu sagen.

Oben auf dem Torbogen angekommen bahnte sie sich einen Weg durch die Ranken und fühlte sich wie immer wie in einem Dschungel-Abenteuer. Behände glitt sie aus ihrer Umhängetasche und ließ sich im Schneidersitz auf dem Moos nieder. Für einen Augenblick saß sie einfach nur da und genoss die Sonne auf ihrer Haut und die Stille um sie herum. Dann plötzlich öffnete sie ihre Umhängetasche und holte ihren Schreibblock und einen Stift, die sie überallhin mitnahm, daraus hervor und schlug eine leere Seite auf.

Vor ein paar Tagen hatte sie mit einer alten Freundin über Skype gesprochen – ein wirklich hilfreiches Stück Software, um sich günstig über weite Entfernungen zu unterhalten, wie sie fand. Ein Teil ihres Gespräches hatte sie seitdem nicht mehr losgelassen und das war für sie immer ein Grund herzukommen und ihre Gedanken aufzuschreiben. Es gab aber auch genügend andere Gründe um dies zu tun.
Für einen Augenblick saß sie einfach nur da und schaute in die Ferne. Dieser Moment, der für andere meist wie Nichtstun aussah, war für sie der Moment in dem in ihrem Kopf alles auf einmal passierte. Während ihre Finger leicht mit dem Stift spielten und diesen hin und her wippten, rasten ihre Gedanken nur so durch ihr Hirn und sie versuchte den Ersten, den Wichtigsten, zu finden und die restlichen dahinter anzuordnen. Dann, ohne Vorwarnung, senkte sie ihren Blick und begann zu schreiben. Seite um Seite füllte sich in ihrem Block. Immer wieder strich sie etwas durch und schrieb es erneut. Manchmal durchkreuzte sie sogar ganze Seiten und fing von vorne an.
Schließlich ebbte die Schreibflut ab und sie las noch einmal das Geschriebene. Oft strich und schrieb sie erneut oder ergänzte etwas ganz anderes.
Die Blätter waren so überfüllt mit Worten, dass es schwer war ihrem Inhalt zu folgen, ganz so wie es ihr Denkvorgang war, doch für sie war es so verständlich und sie würde es nicht noch einmal abschreiben und es dabei belassen.

Zufrieden mit dem Inhalt löste sie die beschriebenen Seiten sorgsam aus dem Block und legte sie auf ihre Tasche, die im Moos neben ihr lag.
Anschließend suchte sie etwas zwischen den Seiten ihres Blockes bis sie schließlich triumphierend einen Briefumschlag hervorholte. Sie nahm die Blätter wieder auf und faltete sie sorgfältig eines nach dem anderen, faltete sie wieder auseinander und legte sie dann übereinander und faltete sie nun alle zusammen, damit sie gemeinsam in den Umschlag passten. Diese Technik hatte sie mit der Zeit entwickelt, denn es war nicht der erste Brief, den sie auf diese Weise gefüllt hatte.
Nachdem alles verstaut war löste sie langsam die Schutzfolie vom Klebestreifen des Briefverschlusses um den Brief endgültig zu verschließen. Für einen Moment zögerte sie und überlegte noch einmal, ob sie auch alles aufgeschrieben hatte, dann wanderten ihre Gedanken dazu wie früher Briefe mit Wachs versiegelt wurden und sie überlegte, ob sie das bei einem anderen Brief mal ausprobieren sollte. Sie verwarf diesen Gedanken allerdings vorerst, da sie es vermutlich eher schaffen würde den Brief oder gar die Ranken in Brand zu stecken, als ihn zu versiegeln.

Auf der Vorderseite des Umschlags stand bereits in gut lesbaren Buchstaben die Adresse und auch eine hübsche Briefmarke zierte bereits eine Ecke. Auf ihr war eine kleine Landschaft zu sehen, für sie sah sie wie ein altes Gemälde aus, dass vermutlich irgendein Jubiläum feierte. Es war Schade, dass der Poststempel es später verdecken würde. Bevor das jedoch geschehen konnte, musste sie den mit Gedanken gefüllten Brief zum Briefkasten bringen, der ein paar Straßen weiter bereits auf sie wartete – ihrer Meinung nach warteten Briefkästen immer darauf mit handgeschriebenen Briefen gefüttert zu werden und sie beteiligte sich daran nur zu gern.
Bedächtig, um auch nichts liegen zu lassen, packte sie alles, was sie herausgeholt hatte, wieder in ihre Umhängetasche, stand vorsichtig auf und schlang sich diese dann wieder über die Schultern.

So behände wie sie den Torbogen erklommen hatte, so langsam kletterte sie ihn nun wieder herab und als ihre Füße gerade den Boden berührten, schoss ihr eine Gedanke durch den Kopf: ‚Hoffentlich habe ich genügend Porto draufgeklebt‘.

~ 914 Wörter, inkl. Titel

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Ich hoffe die Geschichte hat gefallen!
Nebenbei möchte ich erwähnen, dass die Rohfassungen meiner Bachelorarbeit ähnliche Ausmaße wie der Brief hatten, was die Kommentare und Ergänzungen anging…und generell auch diverse Geschichten, die ich mit der Hand vorschreibe oder überarbeite…
Irgendwie komme ich immer recht schnell an den Punkt, an dem ich überlegen muss, wo ich das x, o, *, etc. nun schon wieder hinpacke, um die Idee doch noch mit einzufügen… (oder beim Abschreiben dann, wo ich es hingetan habe, um den Gedanken zu finden…)

Noch jemand ein Freund solchen kreativen Chaos?

PoiSonPaiNter

P.S. Ihr wollt auch eine Geschichte zu einem eurer Bilder oder euch selbst mal an einer solchen Geschichte versuchen, wie es die Clue Writer gemacht haben? Dann lest hier nach wie es geht: Dein Bild – Eine Geschichte.

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