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Vergangene Freiheit

Vergangene Freiheit

(c) Thomas Jansen

„Ich glaub wir haben diese elenden Blechbüchsen abgehängt, Myri. Lass uns ne Pause machen, ich muss meinen Arm verbinden.“
Die Angesprochene blickte über die Schulter. „Scheint so, als hättest du Recht. Schaffst du es noch ein Stück?“, entgegnete sie, schob die Tragegurte der beiden Gewehre über ihre Schulter und blickte ihren Begleiter fragend an.
Dieser warf einen Blick auf seinen rechten Arm. Unter seiner linken Hand, mit der er die Wunde abdrückte, quoll Blut hervor und lief an seinem Arm hinab. Er nickte. „Ein kleines Stück geht noch“, meinte er und versuchte zu grinsen, was ihm nicht so ganz gelang.
So liefen die beiden weiter. Auf einmal brachen sie aus dem kargen Unterholz. Direkt vor ihnen befand sich ein alter Zaun, an dem in regelmäßigen Abständen Schilder standen.
„Krass, sieh mal auf was wir hier gestoßen sind!“, kommentierte Myri und starrte mit großen Augen das Fahrzeug an.
„Ein altes Auto! Komm, wir setzen uns eine Weile hinein.“
Myri öffnete die Tür, befreite die Sitze so gut es ging vom Schmutz und setze sich auf die Beifahrerseite. Die Tür ließ sie offen und lehnte die Waffen dagegen. Der junge Mann nahm hinter dem Lenkrad Platz. Aus einer Tasche an seinem Gürtel zog er eine Verbandsrolle.
„Gib her, ich mach das. Du hast echt Glück gehabt, Devil. Das sieht übel aus.“
Devil übergab Myri den Verband, nahm seine Hand beiseite und ließ seine Begleiterin die Wunde verbinden. „Ach was, halb so wild. Ich hab schon Schlimmeres erlebt.“ Devil warf einen verbitterten Blick auf die, nunmehr mit seinem Blut beschmierte, Tätowierung auf seinem rechten Unterarm. 1010011010 war dort zu lesen. Myri, die mit dem Verband fertig war, bemerkte seinen Blick und legte ihre Hand über die Tätowierung. „Irgendwann sind wir wieder frei. Irgendwann besiegen wir diese verfluchten Cyborgs. Dann wird die Welt wieder uns Menschen gehören, so wie es zur Zeit dieses Autos hier war.“, erklärte sie voller Hoffnung und gab Devil einen Kuss.
Er schloss kurz die Augen und genoss es, wie sich ihre Lippen berührten. Als Myri sich wieder zurückzog, lächelte er. „Du hast ja Recht. Und dann werden wir auch einen Weg finden, diese Tätowierungen zu entfernen. Aber vorerst wollen wir sie behalten, um uns daran zu erinnern, was uns die Cyborgs alles genommen haben.“ Sanft strich Devil mit dem Daumen über Myris Schlüsselbein, das durch ihr Top nicht verdeckt wurde und auf dem die Zahlenfolge 10011100010000 prangte. Diese Tätowierungen hatten die Cyborgs jedem Menschen bei ihrer Versklavung verpasst. Namen hatten die Menschen schon lange nicht mehr. Die Namen, die die Rebellen untereinander nutzten, hatten sie selbst gewählt, auch wenn sie oft auf ihren Nummern basierten.
„Also, ein Auto, huh?“, fragte Myri schließlich grinsend und auf Devils Gesicht schlich sich ein Lächeln. Myri verstand es immer ihn abzulenken und aufzuheitern und dafür liebte er sie.
„Ja, ein Auto. Wusstest du, dass man früher die Qualität eines Autos daran gemessen hat, wie viele Pferde vor es gespannt werden konnten? Man nannte das Pferdestärken.“
„Was ist ein Pferd?“, fragte Myri verwirrt.
„Es gab wohl mal Tiere, die so hießen. Ich glaube sowas ähnliches wie eine Kuh, nur ohne Euter und Hörner.“
„Und die haben dann die Autos gezogen?“
„Ich glaube schon. Viel weiß ich auch nicht darüber, wie auch, die meisten Überlieferungen sind verloren gegangen, aber sowas in der Richtung habe ich mal gelesen.“
„Ich frage mich, warum es nach all diesen vielen Jahren noch so gut erhalten ist…“, grübelte Myri.
„Ist doch klar oder? Schau mal raus. Was siehst du im Himmel?“
„Ähm… Nichts. Nur blau und die Sonne.“
„Eben. Unsere werten Herrscher sind doch ebenso zu einem Großteil aus Metall, so wie dieses Auto. Du weißt doch ganz genau, dass sie dieses System entwickelt haben, um verdunstendes Wasser gleich aufzufangen, damit bloß kein Regen entsteht. Nur trockene Hitze, kein Regen und außerdem noch windgeschützt durch die Sträucher hier. Da passiert so einem Auto nicht so schnell was.“
„Schade, dass es keine Pferde mehr gibt. Was meinst du wie die anderen gucken würden, wenn wir mit einem Auto heimkämen?!“
Devil lächelte. „Sie wären sicher sprachlos. Aber ich glaub unsere blechernen Freunde würden uns mit so einem Ding hier sicher bemerken, oder?“
„Wahrscheinlich. Schade.“, meinte Myri und sah zur offenen Tür hinaus. Ihr Blick blieb an den Waffen hängen. „Oh, da fällt mir ein: Ich glaub ich brauch bald einen neuen Ionisierer, das Elektronenplasma wirkte etwas schwach.“
„Stimmt, ist mir auch aufgefallen. Für den Heimweg nimmst du mein Gewehr. Nur zur Sicherheit. Und nein, keine Widerrede!“, bestätigte Devil und überlegte.
„Wir werden Sam fragen, ob er in seiner Werkstatt noch einen hat, sonst ist wohl bald ein neuer Überfall fällig, was?“, fügte er dann hinzu.
Myri nickte. „Dann sollten wir wohl langsam mal wieder los, was? Nicht das die anderen uns noch für tot halten und Sam den guten Kram wem anders gibt“, witzelte sie und schob sich eine ihrer langen, blonden Haarsträhnen aus dem Gesicht.
Devil lächelte selig, legte Myri eine Hand an die Wange und drehte ihren Kopf in seine Richtung. Er strich die Haarsträhne wieder nach vorne. „Du weißt, ich stehe auf deine langen Haare“, brummte er und lehnte sich vor, um sie zu küssen. Fordernd suchte sich seine Zunge ihren Weg zwischen ihre Lippen. Beide schlossen sie die Augen. Erst als Myri sich wieder von ihm löste, öffnete Devil die Augen wieder.
„Das muss jetzt aber reichen. Falls du es vergessen hast: Du bist verletzt und die Cyborgs waren eben noch hinter uns her. Lass uns ins Quartier verschwinden. Vielleicht gibt es dann einen Nachschlag…“, bemerkte Myri neckisch und stieg aus dem Wagen aus.
Devil seufzte und folgte ihrem Beispiel. Über die Motorhaube hinweg warf Myri ihm eines der Gewehre zu. Devil deutete am Zaun entlang. In der Ferne ertönte eines ihrer Signale. Die anderen waren also auch entkommen. Devil lächelte und sah zum blauen Himmel empor. Heute war ein guter Tag, trotz seiner Verletzung.

– 979 Wörter (inkl. Titel)

 

Behind the Scenes

Read in English

DE_Entw1 - buntSo das war also meine erste Geschichte zu einem eurer Bilder – also im Rahmen unserer Aktion Dein Bild – Eine Geschichte.
Ich hoffe sie hat euch gefallen! Wenn ja, schickt uns noch mehr Bilder, damit wir noch ganz viele solcher Geschichten schreiben können.

Das Foto wurde uns von Thomas Jansen zur Verfügung gestellt. Vielen Dank Thomas. Du machst großartige Bilder, vielleicht darf ich ja irgendwann nochmal eine Geschichte zu einem deiner Fotos schreiben?! 😉

Zu der Geschichte möchte ich noch sagen:
Eigentlich wollte ich etwas völlig anderes schreiben. Mir schwebte etwas mit einem Junkie vor, der es in Amerika zu etwas bringen wollte, nun aber vor einem Scherbenhaufen von einem Leben steht.
Aber irgendwie war da plötzlich Devil. Mir schwebte etwas Sci-Fi-Dystopie-mäßiges vor. Für mich war das ein ganz neues Genre. Geschrieben habe ich es noch nie und gelesen nur selten. Aber es gefällt mir. Mal sehen, vielleicht gibt es ja irgendwann sogar ein Wiedersehen mit Devil und Myri.

Ach ja: Die Zahlenfolgen (Tätowierungen) sind Binärcodes. Wer es lesen kann, kann ja mal überlegen, wieso ich diese Zahlen und Namen kombiniert habe 😉

DarkFairy

Die Rechte der Geschichte liegt bei mir, das des Bildes bei Thomas Jansen. Es dürfen weder die Geschichte noch das Bild genutzt oder kopiert werden, ohne die Zustimmung des jeweiligen Rechteinhabers.

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Lies auf Deutsch

EN_Entw1 - buntSo this was my first story for one of your pictures for our project Your Picture – A Story.
I hope you liked it! If so, do send us more pictures, so we can write more stories like this.

The photo was provided by Thomas Jansen. Thank you Thomas. You take great pictures, maybe I’m allowed to write for one of them again?!

For the story I’d like to add:
Actually I wanted to write something entirely different. I had an idea in mind of a junky that wanted to achieve something in America and is now confronted with the shattered remnants of his life.
But somehow there then was Devil. I had something of an Sci-Fi-Dystopy-ish in mind. For me this was a completely new genre. I had never written for it and barely read anything in it. But I like it. We’ll see, maybe we meet Devil and Myri again one day.

Ah yeah: The sequences of number (tatoos) are binary code. Those who can read it, can think about, why I combined the numbers with the names.

DarkFairy

The rights for the story are mine, the ones for the pictures belong to Thomas Jansen. Story and Picture are not to be used or copied without consent of either.

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