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(c) Shaylana Dreamcatcher

(c) Shaylana Dreamcatcher

Wenn die Seelen Wandern Geh’n

Hoch in den Wolken thronte der volle Mond und reflektierte seine hellen Strahlen hinab auf die finstere Erde. Die Sträucher und Bäume wiegten sich sanft im Wind und erfüllten die Luft mit melodischem Rauschen. Kaum ein Tier wagte es sich zu rühren, nur die Nachtjäger waren auf der Pirsch, aber auch sie waren vorsichtig in dieser Nacht. In dieser Nacht, in der die Toten in die Welt der Sterblichen zurückkehrten und unter ihnen wandelten.

Die weisen Frauen wusste sich die Macht dieser einen Nacht zu Nutze zu machen und so war es nicht verwunderlich, dass zwischen den hohen Eichen eine von ihnen hervortrat. Sie war umhüllt in einen dunklen Mantel, der sie mit der Nacht verschmelzen ließ, wäre da nicht die Laterne, die sie andächtig vor sich hielt. Der helle Schein fiel auf weiche Züge und langes, rotes, wallendes Haar, dass sie für viele Abergläubige als das zu erkennen gab, was sie war und beleuchtete sogleich auch den Weg durch den düsteren Wald. Mit zügigen und doch zu gleich erhabenen Schritten ging die junge Frau immer weiter auf eine Lichtung in der Waldmitte zu.

Die Lichtung war ein besonderer Hort der alten Magie und über das ganze Jahr hinweg herrschte hier eine Mischung der Jahreszeiten. In einem Teil war das Gras grün wie im Sommer, in einem anderen Sprossen die Frühjahrsblüher, in einem weiteren lag eine leichte Schicht von Schnee und kleine Eiskristalle glitzerten im Laternenlicht. Doch nicht nur Katja, näherte sich dieser Stätte, von allen Seiten konnte sie die Laternen der anderen Frauen zwischen den Bäumen aufblitzen sehen. Nicht mehr lange und sie würden alle versammelt sein, denn ohne sie konnten die Toten nicht wandeln.
Ohne sie, war das Tor zur Anderswelt verschlossen und niemand konnte ohne Weiteres aus ihr in diese Welt herübertreten und nur an Tagen wie Samhain war es ihnen gestattet. Zwar verbreiteten einige von ihnen Angst und Schrecken oder erfreuten sich am Schabernack, aber meist war es doch für sie eine Möglichkeit eine Nacht in der Gesellschaft ihrer geliebten Hinterbliebenen zu verbringen.

Der Zirkel, zu dem Katja gehörte, hatte es sich vor Jahrhunderten zur Aufgabe gemacht den Zugang an dieser Stelle in der Samhain Nacht zu öffnen und stabil zu halten, damit jeder der hindurch wollte, es auch tun konnte und die Wesen nicht in unserer Welt stecken blieben.

Mit einem letzten Schritt trat Katja auf die Lichtung heraus. Ein paar andere Frauen befanden sich bereits dort und sie nickte ihnen knapp zu und begab sich dann auf ihr vorbestimmten Platz und wartete. In der Ferne hörte sie eine Eule rufen und dicht über ihren Köpfen flogen ein paar Fledermäuse, die nach den vom Licht angelockten Insekten jagten. Die Nacht war erfüllt von Erwartungen und Hoffnungen und jede der anwesenden und eintreffenden Frauen konnte das spüren. Dann endlich waren sie alle beisammen und standen an ihren Positionen. Vier von ihnen standen einander kreuzweise gegenüber und repräsentierten die vier Jahreszeiten, vier weitere standen in den ihnen zugeteilten Himmelsrichtungen zwischen ihnen auf die gleiche Weise. Sie alle bildeten einen äußeren Kreis. In einer Linie mit dem Süden stand Katja als Repräsentantin des Feuers und die drei anderen Elemente taten es ihr gleich und sie bildeten einen zweiten Ring. In ihrer Mitte stand ihre Älteste und verkörperte die Verbindung der drei Vierer-Gespanne, dadurch, dass sie alle Jahreszeiten durchlebt, alle Himmelsrichtungen bereist und jedes Element ertragen hatte.

Vor den Füßen der Frauen befand sich je ein kleines Viereck, das bereits von ihren Vorgängerinnen vor Generationen in den Boden eingelassen worden war. Sie alle begannen gleichzeitig die alten Worte um das Tor zu öffnen in perfekter Harmonie zu rezitierten und knieten sich dabei auf den Boden. Mit den letzten Silben schließlich senkten sie vorsichtig die Laternen genau auf das Viereck herab. Sobald sich Laterne und Bodenstück berührten erleuchtete beides und die Frauen aus den den inneren Kreisen traten daraus hervor. Nach und nach streckten die Laternen ihr Licht den anderen Laternen entgegen und verbanden sich miteinander zu einem Geflecht aus Lichtstrahlen. Noch ein letztes Mal leuchtete die einzelnen Linien zwischen den Laternen auf, dann begann das Licht zu einem Kreis zu verschmelzen. Als der Kreis vollkommen ausgefüllt war, erhob er sich und stellte sich aufrecht und erhellte die Lichtung für einen strahlenden Moment. Ein kleiner, dunkler Punkt breitete sich nun von der Mitte des Kreise aus und wuchs heran, bis nur noch ein leuchtender, wabernder Rand übrig blieb. Der Ring schwebte weiterhin in der Luft, doch nun konnte man wie durch einen milchigen Schleier auf die andere Seite der Lichtung sehen und die Frauen wussten, dass das Ritual gelungen war. Kaum war das Tor geöffnet tastete sich bereits eine Hand durch den Schleier und der Körper folgte sogleich. Einer nach dem anderen kamen die Geister und auch andere Wesen hindurch, einige bedankten sich bei den Frauen, andere gingen einfach ihrer Wege.

Im Morgengrauen allerdings, würden sie alle dem Ruf der Frauen folgen und wieder in ihre Welt zurückkehren.

~ 823 Wörter inkl. Titel

Behind the scenes

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DE_Entw1 - buntHi, hi,

passend zum gestrigen Halloween gibt es heute diese kleine Geschichte. Das Bild wurde uns bereits im März von Shaylana Dreamcatcher eingereicht und wir hoffen, du nimmst es uns nicht übel, dass es so lange gedauert hat…

Abgesehen davon, dass es für uns immer schwierig ist Geschichten zu Bildern mit Leuten zu schreiben, wollte uns einfach nicht das passende einfallen, aber da nun dieser besondere Feiertag mal wieder stattfand sprudelte diese Idee dann aus mir heraus. Ich finde die Geschichte eigentlich ganz cool und hoffe sie gefällt. 🙂

Der Titel ist übrigens ein Zitat aus Schandmauls Klagelied, das mir spontan in den Sinn gekommen ist und mir passend erschien.

Den beschriebenen Kreis habe ich übrigens mehr Hand mal ein bisschen nachgemalt und ausprobiert, wie es denn am Besten Sinn macht. Ich wollte erst nur Sieben Kerzen machen, aber das war iwie doof, also sind es dann doch 13 geworden und mit den Verbindungslinien sieht das egtl ganz cool aus. Wenn es gewünscht ist, kann ich das Bild dazu gerne noch hochladen, ansonsten müsst ihr halt an Halt der Beschreibung euch selbst daran versuchen. 😉

Für alle die so etwas interessiert: Es gibt eine Tradition im Irischen und anderen Kulturen, die nennt sich „Dumb Supper„, bei der wird z.B. zum Abendessen ein weiteres Gedeck für ein verstorbenes Familienmitglied hingestellt, für den Fall, dass es einen an Samhain besuchen möchte. Mehr dazu erfahrt ihr u.a. hier: Ed Mooney Photography: On this Night we Remember…Honouring our Ancestors

Hoffe ihr hattet ein schaurig-schönes Halloween (oder Samhain).

PoiSonPaiNter

P.S. Ihr wollt auch eine Geschichte zu einem eurer Bilder? Dann lest hier nach wie es geht: Dein Bild – Eine Geschichte.

Die Rechte des Bildes liegen bei Shaylana Dreamcatcher, die der Geschichte bei mir. Eine Nutzung oder Weitergabe ist ohne unsere jeweilige Genehmigung nicht erlaubt.

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Lies auf Deutsch

EN_Entw1 - buntTranslation follows soon

P.S. You want to have a story for one of your pictures as well? Read here how it is done: Your Picture – A Story.

The rights for the story are mine, the ones for the pictures belong to Shaylana Dreamcatcher. Story and Picture are not to be used or copied without consent of either.

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