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(c) Babsi Becken

(c) Babsi Becken

Die Legende vom verlorenen Schlüsselbund

„Und hier sehen sie den Schlüsselbund des Heronymus, dem eine der tragischsten Legenden dieser Burg zu Grunde liegt.“ Erklärte die Burgführerin der versammelten Gruppe.
Dies war eine ihrer Lieblingsgeschichten und sie erzählte sie jedes Mal von neuem mit der gleichen Begeisterung.

„Heronymus war der Schlüsselwärter der Burg, das heißt, er hatte für alle Tore, die es gab, einen Schlüssel und immer wenn jemand Einlass brauchte, wandte er sich an ihn. Er war hoch angesehen und sehr beliebt, bis zu diesem einen schicksalsvollen Tag….“

Heronymus war nervös.
Der Schweiß lief ihm die Stirn herab und seine Hände zitterten.
Als er am Morgen erwacht war, hatte er seinen Schlüsselbund nicht finden können.
Er war sich sicher, dass er ihn an einem Lederriemen um den Hals getragen hatte, als er sich hingelegt hatte, so wie er es jeden Tag tat.
Aber an diesem Morgen ruhte kein Schlüsselbund mehr auf seiner Brust und kein Lederriemen, schnürte ihm wie eine schwere Kette im Nacken.
Der Schlüsselbund war weg.

Er versuchte so unauffällig wie möglich seinen Weg vom gestrigen Abend nachzuvollziehen und vielleicht auf diese Weise den Bund zu finden, bevor jemand anderes das Verschwinden bemerkte.
Es war ein heikles Unterfangen, denn für gewöhnlich fragte ihn regelmäßig jemand nach einem Schlüssel. Heronymus verbrachte den ganzen Tag damit Leuten aus dem Weg zu gehen. Einem besonders aufdringlichen Kammerburschen, der dringend für seinen Herren in die vom Waffenmeister verschlossene Waffenkammer musste, um das Schwert seines Meisters zu holen, sagte er, dass jemand anderes gerade den Schlüssel hatte. Die Lüge wirkte aber nicht lange, da der Bursche schnell den anderen gefunden hatte, der ihm wiederum sagte, dass er den Schlüssel ebenfalls nicht hatte. Der Junge kam also wieder und er schickte ihn wieder fort mit einer anderen Ausrede.

Schlussendlich gelangte die Geschichte von der Suche über verschiedene Leute zum Burgherren und er hielt Heronymus an und fragte, was denn nun mit den Schlüsseln sei. Schwermütig und ängstlich erzählte der Schlüsselwärter seinem Herren was geschehen war und flehte ihn auf Knien an, ihm zu vergeben und der Burgherr war gnädig.
Er beschloss, dass am nächsten Tag der ganze Hof nach dem Schlüsselbund suchen sollte, damit sie wieder an ihren rechtmäßigen Platz gelangten.
Der Schlüsselwärter war erleichtert und überglücklich über diese Fügung und ging sorgenfrei zu Bett.

Jedoch hielt diese Ruhe nicht lange an.
In tiefster Nacht schlugen die Glocken laut Alarm, als die Burg von feindlichen Kriegern angegriffen wurde.
Der Schlüsselwärter versteckte sich in seiner Kammer, denn er war zu alt und zu schwach, um mehr zu sein, als eine Bürde für die Verteidiger.
Er hörte die Schreie der Kämpfer und der Opfer und versuchte sie mit Hilfe seiner Hände zu ersticken, aber es half nichts.
Angst zerfraß ihn regelrecht je mehr seine Gedanken zum Schlüsselbund wanderten. Hatte seine Schusseligkeit, seine Unfähigkeit jetzt dafür gesorgt, dass seine Heimat angegriffen wurde?

Mit viel Mühe gelang es ihnen die Burg zu verteidigen und die Angreifer zu vertreiben, aber zu einem hohen Preis. Viele Unschuldige waren gefallen und viele gute Krieger schwer verletzt worden, auch wenn sie vorerst keinen weiteren Angriff befürchten mussten, da auch die Anderen herbe Verluste erlitten haben.
Es dauerte nicht lange bis der Schlüsselwärter vor den Burgherren geführt wurde.
Dieser beschuldigte Heronymus, dass er den Schlüsselbund nicht verloren, sondern ihren Feinden ausgehändigt hatte.
Einer der Hofadligen warf ein, dass selbst wenn er den Schlüssel nicht an den Feind selbst gegeben hat, so hat er ihn doch verloren und er ist dem Feind in die Hände gefallen.
Der Schlüsselwärter beteuerte auf alles das ihm heilig war, dass er das nicht getan hatte, aber der Burgherr schenkte ihm keinen Glauben.
Für ihn war es Einerlei und er verurteilte den Schlüsselwärter zum Tode.
Noch am gleichen Abend wurde er am Galgen gehängt.

Einige Tage später wurde die Kammer des Schlüsselwärters ausgeräumt. Bisher hatte man sich davor gescheut, da das Urteil für alle erschreckend war und es noch niemand wahr haben wollte, dass der freundliche, alte Mann nicht mehr unter ihnen weilte. Als die Kammerburschen die Laken vom Bett nahmen und ausschüttelten klapperte es plötzlich. Etwas schweres und metallisches war zu Boden gefallen.
Die Jungen konnten ihren Augen nicht trauen, als sie erkannt was dort lag.
Es war der Schlüsselbund.

Sofort brachten sie ihn zum Burgherren und erklärten ihm, wo und wie sie ihn gefunden hatten.
Als er den Schlüsselbund sah, wurde ihm bewusst was er getan hatte.
Er hatte einen Unschuldigen zum Tode verurteilt.
Tief bereute er seine voreilige Entscheidung.
Als Mahnmal ließ er alle Schlösser austauschen und den Schlüsselbund aufhängen, damit er und sein Volk daran erinnert wurden, nie einen Menschen zu verurteilen ohne alle Fakten zu kennen.

„Und das ist die Legende vom Schlüsselwärter Heronymus und dem verlorenen Schlüsselbund.“ Schloss die Burgführerin ihre Erzählung.
„Jetzt folgen Sie mir bitte hier entlang. Es gibt noch viele interessante Sachen zu sehen.“ Forderte sie die Menge auf und Schritt voran.
Hinter ihnen klirrten die einzelnen Schlüssel leise im Wind.

– 821 Wörter (inkl. Titel)

Behind the scenes

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DE_Entw1 - buntDie Geschichte erinnert mich ein bisschen an die Sage vom Merseburger Raben, nur dass hier kein diebisches Tier beteiligt war, aber der Schlüsselbund wirkt einfach sehr verloren und wieder gefunden.

Ansonsten bin ich nicht wirklich zufrieden mit dem Titel, aber mir wollte einfach nichts besseres einfallen… und falls jemand weiß, ob das wirklich auch im Mittelalter der Waffenmeister war oder der Typ doch ganz anders hieß, dann lasst es mich bitte wissen und ich ändere das. 😉

Bis zum nächsten Mal.

PoiSonPaiNter

P.S. Ihr wollt auch eine Geschichte zu einem eurer Bilder? Dann lest hier nach wie es geht: Dein Bild – Eine Geschichte.

Die Rechte des Bildes liegen bei Babsi Becken, die der Geschichte bei mir. Eine Nutzung oder Weitergabe ist ohne unsere jeweilige Genehmigung nicht erlaubt.

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EN_Entw1 - buntTranslation follows soon

P.S. You want to have a story for one of your pictures as well? Read here how it is done: Your Picture – A Story.

The rights for the story are mine, the ones for the pictures belong to Babsi Becken. Story and Picture are not to be used or copied without consent of either.

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