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(c) Katrin Brockmann-Propp

Krieg in der Nacht

Tizian, ein junger Mann von Mitte 20, stand am Fenster seines Wirtshauszimmers und sah auf die sich verdunkelnde Landschaft hinaus. Während draußen die Sonne hinter dem Horizont verschwand, verwandelte sich die Welt in ein Meer aus Schatten. Die kahle Weide vor dem Fenster war bereits nur noch ein schwarzer Umriss. Tizian fürchtete die Nacht. Nicht die Dunkelheit war es oder Fantasiegestalten, die ihn ängstigten, sondern die Tatsache, dass die Nacht bedeutete, dass er wieder schlafen gehen musste.

Seit etwa einem Jahr, war der Schlaf sein ärgster Feind. Die Schrecken, die ihn des Nachts verfolgten, ließen ihn erst kaum Schlaf finden und dann, rissen sie ihn wieder heraus. Er war müde und ausgelaugt. Das war er schon vor einem Jahr gewesen, aber er hatte gehofft es würde wieder vergehen. Er hatte sich geirrt. Vor etwa einem Jahr, war Tizian aus dem Krieg im Süden zurückgekehrt. Man hatte ihn zur Kaiserlichen Armee eingezogen und in den Süden geschickt. Dort hatte er zwei Jahre gekämpft, bis eine Verletzung ihn für die Armee unbrauchbar machte.

Tizian verlagerte sein Gewicht. Dabei jagten Schmerzen wie Messerstiche durch sein rechtes Bein. Die Schmerzen allein, die er Tag ein, Tag aus hatte, hätte er ertragen können, aber die Bilder die ihn verfolgten, raubten ihm fast den Verstand. Unzählige Gesichter von Toten – Freunde wie Feinde – schwirrten immerzu in seinem Kopf umher. Schließlich riss Tizian sich vom Anblick der schattenhaften Landschaft los und verließ humpelnd sein angemietetes Zimmer.
Mühsam stieg er die Treppe hinab und setzte sich in hinterste Ecke des eher mäßig gefüllten Schankraums. Die junge Schankfrau warf ihm ein kokettes Lächeln zu, als sie seine Bestellung aufnahm. Sie brachte ihm eine Flasche Branntwein und fragte aufreizend, warum er denn ganz alleine sei. Er warf ihr einen finsteren Blick zu und meinte dann: „Ich würde dich nur unglücklich machen. Lass mich trinken und such dir einen anderen.“
Tizian sah der jungen Frau nach und verspürte eine tiefe Sehnsucht. Er war einsam, aber er wusste, dass er Recht hatte. Auch seine Frau hatte ihn verlassen, nachdem er zurückgekehrt war. Es war in Ordnung für ihn. Er hatte nicht das Recht andere Menschen unglücklich zu machen. Es reichte, dass er voller Leid und Qual war. Tizian griff zur Flasche und trank einige tiefe Schlucke Branntwein. Das bereitstehende Glas beachtete er erst gar nicht. Immer häufiger versuchte er, seine Träume und Erinnerungen in Alkohol zu ertränken, aber sie tauchten, Holzscheiten gleich, immer wieder auf. Für ihn wogen sie aber schwer wie Steine und zogen ihn hinab in die Dunkelheit, wo er zu ertrinken drohte.

Als er die Flasche geleert hatte, war es schon spät und der Wirt scheuchte ihn aus dem Schankraum, da er zu Bett wollte. Tizian aber hätte alles dafür gegeben, nicht zu Bett gehen zu müssen. Gequält humpelte er die Stufen hinauf und betrat sein Zimmer. Er warf einen Blick auf das Bett. Die Müdigkeit lag bleiern auf seinen Gliedern, der Alkohol tat sein Übriges. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte gar nicht schlafen zu wollen, also legte er sich aufs Bett und wartete auf den Schlaf.
Stundenlang beobachtete er wie das bleiche Licht des Mondes über die Wände des Raumes wanderte, bis er schließlich erschöpft einschlief. Wie jede Nacht kamen sie wieder. Die Bilder vom Krieg. Blut und Tod. Er wusste nicht, wie viele er tatsächlich getötet hatte. Nie hatte er töten wollen, aber im Krieg hieß es töten oder getötet werden. Zwar war er noch am Leben, aber seine Seele hatten sie zerfetzt.

Mit einem Schrei erwachte Tizian. Wellen wie flüssiges Feuer schossen durch sein Bein. Sein Hemd klebte ihm schweißnass auf der Brust, die sich schnell hob und senkte. Draußen war immer noch alles dunkel. Ein Blick auf die Flecken Mondlicht an den Wänden verriet ihm, dass er kaum mehr als zwei Stunden geschlafen hatte. Wieder stiegen die Bilder seines Traumes vor ihm auf. Schnell schwang Tizian die Beine aus dem Bett und erhob sich. Er unterdrückte ein Stöhnen, als dabei die Schmerzen in seinem Bein noch zunahmen, und humpelte zum Nachttopf. Er riss den Deckel zur Seite und übergab sich. Schwer atmend legte er schließlich den Deckel zurück und ließ sich auf den Boden nieder. Mit ausgestreckten Beinen lehnte er sich gegen die Wand und schloss die Augen. Geistesabwesend massierte er mit einer Hand sein rechtes Bein.

Nach einer Weile hievte Tizian sich wieder in die Höhe, wobei er sich an der Wand abstützte. Er sah zum Bett hinüber. Zwar war er immer noch todmüde, aber er wollte es kein weiteres Mal in dieser Nacht wagen sich in Morpheus Reich zu begeben. Daher wechselte Tizian sein Hemd und packte dann seine wenigen Habseligkeiten zusammen und verließ leise das Wirtshaus. Bezahlt hatte er bereits und in dieser Einöde würde wohl niemand des Nachts durch die offene Hintertür einbrechen. Er betrat die angrenzende Scheune und sattelte sein Pferd. Dieses war zwar nicht sonderlich begeistert mitten in der Nacht seinen Herrn durch die Dunkelheit zu tragen, war es aber bereits gewöhnt. Schon oft war Tizian mitten in der Nacht aufgebrochen und weitergezogen. Im fahlen Mondlicht leuchtete der Schnee unnatürlich hell gegenüber den Schatten der Nacht. Humpelnd führte er sein Pferd an der Weide vorbei und blickte noch einmal zu seinem Zimmerfenster hinauf. Vielleicht hätte er doch noch bleiben sollen. Hier im Norden war es das ganze Jahr über kalt. Mit einem Seufzen schwang Tizian sich auf sein Pferd und gab ihm die Sporen.

Er wusste, dass es nichts ändern würde, wenn er weiterzog. Schon seit einigen Monaten war er unterwegs. Immer wieder brach er überstürzt auf und versuchte so viel Abstand zum Süden zu gewinnen wie möglich. Immer von der Hoffnung getrieben, alles hinter sich lassen zu können, aber im Grunde seines Herzens wusste er, dass diese Hoffnung vergeblich war.

~ 957 Wörter inkl. Titel

Behind the scenes

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DE_Entw1 - buntHallöchen^^

Ich dachte mir, bevor ihr noch meint, ich wäre tot, müsste ich nochmal was schreiben. Das ist dabei rausgekommen. Bis auf den Titel bin ich zufrieden. Der Titel ist doof. Aber irgendwie fällt mir nix besseres ein >.<

Ich habe schon gefühlt ewig die Idee, eine Geschichte mit einem humpelnden Krieger zu schreiben. In meiner ursprünglichen Idee war er aber mal älter.
Jetzt hatte ich aber endlich die zündende Idee, was mit dem Charakter anzufangen ist und zwar, als ich nochmal die Bilder durchguckte, die von Poisons Adventskalender übrig sind.

Ich mag Tizian. Wieder ein armer Charakter, den dieses Schicksal ereilt. 😉
Ich könnte mir gut vorstellen, ihn nochmal auftauchen zu lassen. Und wer weiß, vielleicht passiert ihm dann ja was gutes ^^‘

DarkFairy

P.S. Ihr wollt auch eine Geschichte zu einem eurer Bilder? Dann lest hier nach wie es geht: Dein Bild – Eine Geschichte.

Die Rechte des Bildes liegen bei Katrin Brockmann-Propp, die der Geschichte bei mir. Eine Nutzung oder Weitergabe ist ohne unsere jeweilige Genehmigung nicht erlaubt.

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Lies auf Deutsch

EN_Entw1 - buntTranslation follows soon

P.S. You want to have a story for one of your pictures as well? Read here how it is done: Your Picture – A Story.

The rights for the story are mine, the ones for the pictures belong to Katrin Brockmann-Propp. Story and Picture are not to be used or copied without consent of either.

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