Schlagwörter

, , , , , ,

(c) Rüdiger Lange

(c) Rüdiger Lange

Aequus

Erste Sonnenstrahlen bahnten sich bereits ihren Weg durch das dichte Blätterwerk des Waldes. Er spürte sie auf seiner Haut, aber sie waren längst nicht mehr so kräftig, wie noch vor einigen Wochen. Die Zeit war gekommen.
Der Sommer verabschiedete sich und der Herbst machte sich auf den Weg.
Nun würde es nur noch wenige Stunden dauern, bis der Wechsel vollzogen war und dafür musste alles vorbereitet sein. Für einen Moment blieb er stehen und ließ die Sonne über seine Haut wandern. Der Wind strich in einer leichten Brise durch sein langes Haar und seine hellen Gewänder und für einen Moment sog er die Ruhe des Augenblicks in sich auf, denn bald würde die Lichtung von Stimmen und Gesang erfüllt sein.

Die große Gestalt schritt anmutig über das noch grüne Gras und sanft umspielten die weichen Halme seine bloßen Füße. Sein Blick schweifte über die Lichtung und er hielt Ausschau, nach einer geeigneten Stelle, um das zu tun, wofür er gekommen war. Nach ein paar Schritten hielt er Inne und kniete sich schließlich nieder. Langsam breitete er seine Hände aus und legte seine nun offenen Handflächen glatt auf den Boden. Mächtige Energie durchströmte ihn und floss in den Erdboden hinein.
Die Erde begann leicht zu beben.
An verschiedenen Punkten sprossen Wurzeln aus dem Boden hervor und wanden sich umeinander bis sie einen breiten Strang bildeten. Dann plötzlich öffnete sich die Wurzelballen an der Spitze und wuchsen auf einander zu, bis sie die Fläche zwischen den Strängen vollends bedeckt hatten. Als die Wurzeln sich nicht weiter bewegten, wuchs das Gras an ihnen empor und umschlang sie mit ihrem saftigen Grün. Die starre Fläche, die sie auf den Strängen gebildet hatten wurde zusätzlich mit Blüten bedeckt. Bald hatte sich das Gebilde fertig geformt und das Schauspiel wiederholte sich mit vielen kleineren Gebilden um dieses eine große herum. Als keine Bewegung mehr zu spüren war erhob sich die Gestalt und betrachtete sein Werk mit Stolz.
Diese Tafel war angemessen für die Gäste, die sich bald hier einfinden würden.

Der Ort an dem sie waren, hatte keine große Bedeutung, keine andersweltliche Geschichte, aber er hatte etwas Abgeschiedenes an sich und das war sehr viel Wert für ihre Feiern, denn sie wurden nur ungern gestört. Natürlich konnte dieses Fest nicht mit den prunkvollen Festen zu Samhain oder zur Wintersonnenwende mithalten, aber auch die Äquinoktien waren für sie wichtige Teile des Jahres.
Die Gleichheit, die sie an diesen Tagen zelebrierten war essentiell für ihr Zusammenleben.
Der Tag und die Nacht waren gleich in diesem Moment und so waren es auch die Wesen, die sich an diesem Tag versammelten.
Kein Elf, kein Gnom, kein Wichtel oder irgendein anderes Wesen, stand heute über irgendeinem anderen, sogar Menschen war es erlaubt sich an diesem Tag an ihre Tafel zu gesellen.
An den Äquinoktien wurde nicht nur gefeiert, es wurde auch beraten. Man entschied gemeinsam über Angelegenheiten aller Völker oder besprach Probleme, die die einzelne Gruppen hatten.
Die Versammlung am Herbstäquinoktium war für alle, die in einer bestimmten Region lebten, zum Frühlingsäquinoktium versammelten sich Abgesandte aller Regionen zum großen Rat.
An beiden Orten wurde jedes noch so kleine Problem genauso behandelt, wie die großen Herausforderungen, die sie alle bewältigen mussten.

Ein Hauptthema war im jeden Jahr der Mensch, der den Wesen des Zwielichts immer mehr Lebensraum wegnahm. Der Mensch, der sich als besser als alles andere sah und die Welt für sich beanspruchte ohne Rücksicht auf alles andere, was noch darin lebte. Doch leider war es kein Leichtes einen Menschen zu diesen Versammlungen zu bringen, um ihn von ihren Werten zu überzeugen.
Sie hatten versucht sie herzulocken, aber die, die dem Ruf gefolgt waren, hatten keinen Einfluss auf die große Masse der Menschen.
Sie hatten versucht einflussreiche Menschen an ihre Runde zu bringen und wurden meist ignoriert. Menschen in hohen Positionen waren selten offen für das andersweltliche. Gelang es den Wesen, doch einmal einen von ihnen in die Runde zu locken, so waren diese skeptisch und plädierten darauf, dass sie nur einem Traum innewohnten und dass alles nicht real sei. Oder sie schimpften und fluchten, dass die Wesen gefälligst dahin gehen sollten, wo sie hergekommen waren und die Menschen in Ruhe lassen sollten; dass die Menschen nach den Wesen gekommen waren, interessierte diese dann nicht.
Diesen schrecklichen Menschen mussten sie dann die Erinnerung nehmen oder sie verschleiern, sodass sie tatsächlich nur dachten, dass sie geträumt hatten, um sich selbst nicht in Gefahr zu bringen.
Es schien der Versammlung nicht vergönnt, auch mit den Menschen ein Bündnis der Gleichheit an diesem Tage einzugehen, denn die Menschen sahen sich an der Spitze von allem.

Der Elf schüttelte den Kopf. Er wusste nicht, ob es jemand geschafft hatte, einen Menschen herbei zu locken, um es erneut zu versuchen, aber insgeheim hoffte er, dass dem nicht so war. Menschen drückten die Stimmung der Versammlung mit ihren Ansichten.

Die Stunde des Wechsels näherte sich und die Teilnehmer der Versammlung trafen ein. Sie begrüßten ihn und begannen die Tafel mit Gaben oder auch Getränken zu füllen. Denn zur Tagundnachtgleiche trug jeder seinen Teil bei, denn wie Tag und Nacht, waren auch sie alle gleich.

– 848 Wörter (inkl. Titel)

Behind the scenes

Read in English
DE_Entw1 - bunt

Wir hängen – mal wieder – hinterher was unsere Geschichten angeht…aber naja, so ist das eben und heute gibt es ja mal wieder etwas Neues. 🙂

Die Geschichte ist eine Art Fortsetzung von einer weiteren Adventskalendergeschichte, nämlich diesmal „Wintersonnenwende„, das Bild hat einfach dazu eingeladen. Abgesehen davon, habe ich eigentlich nur auf eine zündende Idee zu einem „Feiertag“ gewartet, um was zu dem Bild zu schreiben und da der gute Coe dann auch noch an der Tagundnachtgleiche Geburtstag hat, ist das doch umso passender und weil er so gern Latein quatscht gibt’s den Titel dann auch gleich in der Sprache. Aequus heißt gleich und ist einer der Wortbestandteile von Äquinoktium, dem Fachbegriff für die Tagundnachtgleiche. Durch die Geschichte hab ich übrigens gelernt, dass Wort Äquinoktium richtig zu lesen und zu schreiben. 😉

Wer das Projekt verfolgt, dem wird das Bild vielleicht sogar bekannt vorkommen. Rüdiger hat uns das Foto vom Kulturpark in Neubrandenburg nämlich einmal in Farbe und einmal in Schwarz Weiß geschickt. Lustigerweise ist auch die Farbvariante eine Fortsetzung einer Weihnachtsgeschichte geworden: „Erinnerungen und Lasten„.

Während ihr das hier lest, bin ich übrigens Stockholm besichtigen, wir sehen uns also, wenn ich wieder da bin. 😉

PoiSonPaiNter

P.S. Ihr wollt auch eine Geschichte zu einem eurer Bilder? Dann lest hier nach wie es geht: Dein Bild – Eine Geschichte.

Die Rechte des Bildes liegen bei Rüdiger Lange, die der Geschichte bei mir. Eine Nutzung oder Weitergabe ist ohne unsere jeweilige Genehmigung nicht erlaubt.

____________

Lies auf Deutsch

EN_Entw1 - buntTranslation follows soon

P.S. You want to have a story for one of your pictures as well? Read here how it is done: Your Picture – A Story.

The rights for the story are mine, the ones for the pictures belong to Rüdiger Lange. Story and Picture are not to be used or copied without consent of either.

Advertisements